Erfahrungen

Erfahrungsbericht

bierwagen-beschnitten1Meine Name ist Otto Bierwagen. Ich bin 1952 in Marinowka in Kasachstan geboren. 1987 schloss ich mein Studium als “Zootechniker” am landwirtschaftlichen Technikum ab. Im Januar 1994 siedelte ich nach Deutschland um und wohne seit dem in Wiesbaden im Stadtteil Sauerland.

In Deutschland Fuß zu fassen war nicht leicht. Nach sechsmonatigem Deutschkurs begann die lange Arbeitslosigkeit. Sechs Jahre lang gab es niemanden der mich einstellen wollte. Selbst Firmen, die Mitarbeiter suchten, stellten lieber Andere ein, mit der Begründung, dass sie mich mit meiner 70% Schwerbehinderung “nie wieder loswerden würden”.

In die Zeit der Arbeitslosigkeit erinnere ich mich nicht gerne. Jeder Tag war gleich und langweilig. Ich habe lange geschlafen und bin durch die Gegend gefahren. Mir fiel die Decke auf den Kopf, denn die Zeit verging überhaupt nicht. Ich habe in Kasachstan immer gearbeitet und war es nicht gewöhnt, gar nichts zu tun.

1999 hatte dies zum Glück ein Ende. Mit Hilfe des Pfarrers aus unserer Gemeinde konnte ich in der Beschäftigungsinitiative Sauerland des Kinder- und Beratungszentrums Sauerland eine ABM-Stelle in der Garten- und Landschaftspflege beginnen. Ich lernte in diesen Jahren viel Neues und konnte so mein vorhandenes Wissen ausbauen über Schnitt- und Pflegearbeiten. Unterstützt wurde ich von meinen Fachanleitern und den Pädagogen des KBS. Endlich kehrte ich zurück in einen geregelten Alltag und ein zufriedenes Leben.

Ein noch viel größeres Glück hatte ich, als im Anschluss an meine ABM Maßnahme eine neue Stelle geschaffen werden konnte. Ich wurde als stellvertretender Anleiter in der Beschäftigungsinitiative unbefristet eingestellt.

Inzwischen bin ich acht Jahre glücklich und zufrieden bei meiner Arbeit. Ich weiß nicht, wie alles gekommen wäre und was aus mir geworden wäre, wenn es diese Möglichkeit nicht gegeben hätte. Ich sehe viele aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, die unter ihrer Arbeitslosigkeit sehr leiden.

Ich freue mich auf jeden Fall immer auf Montag, denn manchmal wird mir das Wochenende ohne Arbeit schon zu lang!


„Der Erfolg der Kinder ist auch mein Erfolg“

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2001 reiste Frau Susanne Kowaliczky von Ungarn nach Deutschland ein, um mit ihrem deutschen Ehemann zusammen leben zu können. In ihrem Heimatland arbeitete sie 36 Jahre als Grundschullehrerin. In Deutschland fand sie keine Anstellung als Lehrerin, da ihre Aussprache mangelhaft ist und sie „zu alt“ ist. Sie wendete sich hilfesuchend an die kommunale Arbeitsvermittlung und wurde von ihrem Fallmanager an die Beschäftigungsinitiative Sauerland (BIS) vermittelt. Hier wurde sie entsprechend ihrer Qualifikation im Jugendzentrum Trafohaus in der Schülerhilfe und im Einzelnachhilfeunterricht eingesetzt. Von August 2007 bis Februar 2009 war sie im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit beschäftigt. Christine Gilberg traf sich mit ihr zum Gespräch:

Wie haben sie ihre Arbeitslosigkeit erlebt?

Arbeitslos zu sein war für mich eine absolut schlimme Erfahrung. In Ungarn war ich nie arbeitslos. Ich habe immer etwas gemacht. Ich muss auch immer etwas für mich machen und kann nicht nutzlos rumsitzen. Das wollte und will ich nicht, das kenne ich nicht aus Ungarn. Ich will mich mit meinen Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen. Wenn man immer zu Hause ist, wird man dumm im Kopf. Man rostet und verliert das Interesse an der Welt und dem gesellschaftlichen Geschehen. Im Jugendzentrum lernen die Besucher, wie man ein Ziel im Leben findet. Für mich war es der Ort, wo ich gebraucht wurde und nicht einfach ohne Gegenleistung Geld vom Staat bekomme. Ohne Arbeit ist es sehr schlecht für den Menschen. Der Mensch braucht Arbeit.

Was können sie über ihre Zeit in der AGH berichten?

Die Zeit im Jugendzentrum war eine sehr gute Zeit. Zum ersten Mal in Deutschland hatte ich richtige Kollegen, es war wie früher in Ungarn. Sie haben mich als gleichwertige Kollegin angesehen und nicht als Hilfskraft. Das Kinder- und Beratungszentrum Sauerland (KBS) war wie eine große Familie für mich. Ich hatte wie alle anderen Mitarbeiter einen eigenen Schlüssel, einen eigenen Arbeitsplatz, habe an den Betriebsfeiern teilgenommen und das Netzwerk erlebt. Ich konnte meinen Unterricht vollkommen selbständig gestalten. Das alles hat mein Selbstbewusstsein gestärkt und ich konnte immer besser arbeiten.Endlich konnte ich auch wieder das machen, was ich gelernt habe und woran ich so viel Freude habe- Lehren!

Ich habe aber auch viel gelernt. Sowohl von den Kindern als auch von den Kollegen. Das deutsche Schulsystem war mir unbekannt und die Lehrmethoden häufig anders als in Ungarn. Außerdem hatte ich im Alltag ein andauerndes Sprachtraining. Es war, als würde sich ein neues Wissensfenster öffnen und ich erhielt eine intensive Weiterbildung. Ich konnte im Stadtteil erleben, wie viele Kulturen in Deutschland leben und wie sie leben. Das war sehr interessant. Meine Aussprache war endlich kein Hindernis für meine Anstellung und die Kinder haben meine Schwäche akzeptiert.

Der Erfolg meiner Schüler war auch mein Erfolg. Es war so schön mitzuerleben, wie einer meiner Schüler mit meiner Hilfe endlich das Lesen gelernt hat. Heute noch ist es schön, wenn ich Schüler wieder treffe. Sie berichten mir, was aus ihnen geworden ist.

Wie war für sie die Förderungsdauer und wie ging es danach weiter?

Wer lange arbeitslos ist, braucht länger, um wieder in die Arbeit zu finden. Für mich war es wichtig, so lange im Jugendzentrum zu lernen, da vieles neu war. Ich hätte so schnell auch keine Arbeit gefunden. Meine lange Erfahrung im Jugendzentrum hat bestimmt geholfen, eine Anstellung zu finden. Außerdem bin ich ungern gegangen, da ich mich so ausgesprochen wohl gefühlt habe.

Nach meinem 1€-Job habe ich eine Anstellung in einer Grundschule in der Betreuung gefunden. Leider ist diese nicht so umfangreich, dass es ganz ohne Hilfen vom Staat geht, aber ich Suche weiter.

Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Wenn ich viel Geld hätte, würde ich so viel Sprachkurse machen, bis ich es endlich richtig kann. Mein größter Traum ist aber eine Anstellung, mit der ich endlich vollkommen unabhängig vom Staat leben könnte.